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Restaurant Palmyra (Kurzgeschichte)

Harald Renner


Mit raschen Schritten hatte Wolfgang den winterlichen Kurpark von Bad Homburg durchquert. Jetzt fror er und sehnte sich nach Wärme, Kerzenschein und dem Aroma mediterraner Kräuter und Gewürze. Er stapfte matschige Schneeklumpen von seinen Stiefeln, als er vor der grün getäfelten Eingangstüre des Restaurants "Palmyra" ankam. Ein schwacher Lichtschein drang durch einen Vorhangspalt nach draußen. Er hörte gedämpfte Stimmen und das Klappern von Geschirr.

"Komm näher, mein Freund," begrüßte ihn Thomas, der Wirt und schloss hinter ihm die Türe zu. "Du bist heute unser einziger Gast. Sabine freut sich auch schon auf dich."
"Das stimmt," pflichtete seine Frau ihm bei. "Leg ab und mach es dir gemütlich! Du kommst gerade recht. Etwas Freude tut uns heute gut."

Esat erschien aus der Küche und balancierte ein Silbertablett mit köstlich duftenden Vorspeisen. Er hob bedauernd die Schultern. "Ich spreche nicht gut deutsch, weißt du? Zu schwer."
"Wirklich?" protestierte Wolfgang. "Du wirst von mal zu mal besser. Wie schön, euch wieder zu sehen!"

Der junge Koch stellte das Tablett auf dem Beistelltisch ab und deutete auf die Speisen. "Muhamara, eine Paprika- und Walnuss-Paste, und Warak Inab, gefüllte Weinblätter. So fingen wir immer mit dem Essen an. In Damaskus, vor dem Krieg."

"Lasst es euch schmecken!" forderte Sabine sie mit belegter Stimme auf. Statt zu Messer und Gabel zu greifen, schneuzte sie ergiebig in ihr Taschentuch. "Bitte entschuldigt!"
Wolfgang sah sie an. "Du musst dich nicht entschuldigen. Steht es wirklich so schlimm mit euch?"

Der Wirt übernahm das Gespräch. "Ja, es ist schlimmer als schlimm. Vor sechs Wochen haben wir noch auf eine Lösung gehofft, du erinnerst dich? Aber jetzt wachsen unsere Schulden immer weiter. Das Geschäft wird hart, auch für andere Restaurants. Der Besitzer will renovieren. Er hat uns einen neuen Pachtvertrag angeboten, aber den mussten wir ablehnen. Viel zu teuer für uns. Wir geben auf, zum Jahreswechsel ist Schluss."

"Ich habe das kommen sehen. Wollt ihr hier bleiben?"
"Würden wir gerne", schaltete sich Sabine ein, "aber alles rund um Frankfurt können wir uns nicht mehr leisten. Wir haben uns eine Zweizimmerwohnung im Vogelsbergkreis angeschaut. Das ginge vielleicht."

Esat erschien mit einer Flasche tiefroten Syrah aus Bargylus, präsentierte stolz das Etikett und ließ den Wirt kosten. "Ja, der ist gut!"

Als der Koch wieder verschwunden war, nahm Sabine den Faden auf. "Wir fragen uns auch, was aus Esat wird. Vor vier Jahren ist er hier angekommen, ganz alleine. Von seiner Familie in der Heimat hat er lange nichts meht gehört. Er wird es schwer haben, eine neue Stelle zu finden."

Der syrische Koch saß jetzt mit am Tisch, und jede neue Speise genossen die Vier mit gutem Appetit. Als Esat die Falafel in Lammsauce, gefolgt von Seebasse in Sesam- und Limmetensauce und zum Abschluss eine Auswahl erlesener Süßspeisen und einen stark duftenden Mokka auftrug, steckte seine Begeisterung alle an. Ohne es selber zu bemerken, erklärte er die Speisen in seiner Muttersprache, und jeder verstand, was gemeint war.

Gut, dass jetzt andere Themen das Gespräch beherrschten. Der kostbare Wein trug dazu bei, dass sich die Zungen lösten. Schließlich stellte Wolfgang die Frage, die ihm bei jedem Treffen auf der Seele brannte, so oft in den letzten Jahren.
"Sag mal, Thomas, wie geht es deiner Gesundheit?"
"Sehr gut!" antwortet der Wirt viel zu schnell.

Sanft berührte Sabine seinen Unterarm. "Lass mal, Wolfgang darf es doch wissen. Meinem Mann geht es nicht gut. Seit dem Unfall fällt ihm das Atmen schwer. Fünf Jahre geht das schon so. Ihm fehlt nun mal ein Lungenflügel. Deshalb kann er auch nicht mehr in der Küche arbeiten, nur noch beim Service und bei der Abrechnung."

Wolfgang zögerte. "Darf ich noch etwas fragen?"
"Nur zu!" ermunterte ihn der Wirt.
"Die Sache mit dem Unfall. Ich weiß, ihr redet nicht darüber. Aber ich frage mich schon lange, was damals passiert ist. War es ein Verkehrsunfall? Versteht mich nicht falsch. Ich frage als euer Freund, nicht aus Neugier."

Nach langem Schweigen rückte Sabine endlich mit der ganzen Geschichte heraus.
"Es war kein Verkehrsunfall, und es stand in vielen Zeitungen. Mein Mann ist mein Held, tapfer, lieb und idiotisch. Er hat dem Jungen das Leben gerettet und teuer dafür bezahlt."

Was damals geschah, kam nun ans Licht. Der Überfall von fünf jungen Männern am Frankfurter Hauptbahnhof. Ohne Anlass, aus Lust an nackter Gewalt. Der siebzehnjährige Junge mit blutverschmiertem Gesicht am Boden. Die Tritte mit dem Springerstiefel, die auf den Kopf des Jungen zielten. Und dann Thomas dazwischen, mit gellenden Schrei. Der sich auf den ersten stürzte, den er zu fassen kriegte und ihm sein Knie zwischen die Beine rammte. Dann die anderen, die Thomas gleichzeitig angriffen, wieder und wieder auf ihn einprügelten, bis er die Besinnung verlor. Die Angreifer flohen, als die erste Polizeisirene ertönte. Keiner der Übeltäter wurde jemals gefasst.

Wolfgang ließ die Worte auf sich einwirken. Dann wollte er noch wissen, ob sich der Junge oder seine Familie jemals bei dem Retter bedankt hatten.
"Bedankt ja," antwortete Sabine. "Sie haben einen rührenden Brief geschrieben und ein Treffen vorgeschlagen, aber wir haben das nicht gewollt. Mein Mann war wie versteinert damals. Bis heute will er nicht an die grausige Tat erinnert werden. Nein, wir kennen die Leute nicht."

Wolfgang spürte, dass die drei jetzt alleine sein wollten. Mit herzlichen Worten bedankte er sich für das wundervolle Essen. Zum Abschied zog er einen Brief aus der Innentasche seines Jackets und legte ihn auf den Esstisch. "Ist von meiner Frau. Ich soll herzlich grüßen."

Eine halbe Stunde später war das Restaurant aufgeräumt, Geschirr und Teller waren abgewaschen und die Gläser gespült. Sabine entdeckte den Brief und riss den Umschlag auf. 

Als sie die wenigen Zeilen las, verschwammen die Worte vor ihren müden Augen, die sich mit Tränen füllten. Allmählich kam ihr Körper zur Ruhe. Sie spürte, wie sich die langen Monate der Anspannung und Sorge aufzulösen begannen.

Der Brief war kurz.
"Unsere Firma läuft gut, und jedes Jahr konnten wir mehr für euch ansparen. Gestern haben wir mit eurem Besitzer gesprochen und alles geregelt. Macht euch keine Sorgen mehr, ihr behaltet das Restaurant. Unser Sohn Sebastian brennt darauf, endlich den Mann kennen zu lernen, der ihm vor fünf Jahren am Frankfurter Hauptbahnhof das Leben gerettet hat. Wir werden euch das nie vergessen. Frohe Weihnachten allerseits!"

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